Auslandspraktika

Auslandspraktika hoch im Kurs

An der Beruflichen Schule Oberhessen in Nidda und Büdingen können Schüler auf einen Aufenthalt in verschiedenen Ländern hoffen. Auch England ist erst einmal noch möglich – trotz Brexit. Stipendien gibt es viele.

Von Steffen Frühbis

Brennen für ihre Auslandsprojekte: Oberstudienrätin Simone Geist, stellvertretender Schulleiter der Berufsschule Oberhessen Alexander Popplow, Studienrätin Katja Walter (v.l.).

NIDDA/BÜDINGEN – Nidda/Büdingen. Ein paar Tage weg vom Elternhaus, über die Stränge schlagen und auch ansonsten die eine oder andere Hemmung verlieren: Schulfahrten ins Ausland sind so manch einem Erwachsenen noch in leidlich guter Erinnerung. Dass ein Auslandspraktikum im Rahmen einer Berufsausbildung an der Berufsschule Nidda-Büdingen ein völlig anderes Kaliber ist, erläutern zwei engagierte Lehrerinnen am Beispiel des Fremdsprachensekretariats.

Wer in der heutigen Berufswelt mitreden möchte, kommt an einem Auslandsaufenthalt während seiner Ausbildung kaum vorbei. Neben Hochschulstudien gilt dies gleichermaßen auch für Berufs- und Schulausbildungen. Egal ob Bankkaufmann, Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, Fachkraft für Lagerlogistik oder staatlich geprüfter Fremdsprachenassistent. Die Fülle von beruflichen Ausbildungsgängen ist groß. Auch die Vielzahl der Fördermöglichkeiten eines Berufspraktikums im europäischen Ausland wirkt nahezu unüberschaubar: „EuropAktiv“, „EuroMobility“ oder „European Vocational Skills Training (EVST)“ heißen die Stipendienprogramme, die jungen Menschen ein mehrwöchiges Auslandspraktikum finanziell ermöglichen sollen.

Den Überblick über all diese Begriffe haben an der Berufsschule Nidda/Büdingen Katja Walter und Simone Geist. „Zweijährige Höhere Berufsfachschule im Bereich Fremdsprachensekretariat“ heißt deren Fachbereich offiziell. Angesiedelt unter dem Dach der Berufsschule, seit 1. Februar offiziell unter dem Namen „Berufliche Schule in Oberhessen – Nidda/Büdingen“ (BSO) firmierend. Oberstudienrätin Simone Geist leitet den Fachbereich, während Studienrätin Katja Walter die Auslandspraktika im Fremdsprachensekretariat betreut.

„Im Rahmen einer Fortbildungsinitiative sondierten wir vor wenigen Jahren Möglichkeiten, den Schülern ab der Jahrgangsstufe elf ein Praktikum im Ausland zu ermöglichen“, erinnert sich Katja Walter. „Den ersten Auslandsaufenthalt organisierten wir dann im Jahre 2017. Elf Schüler und Schülerinnen reisten damals nach Frankreich, Spanien und Großbritannien. Die Zahl der Personen, die sich für den Fremdsprachenbereich unserer Schule anmeldete, ist daraufhin erheblich gestiegen. Unser Fremdsprachenangebot hat hierdurch eine große Attraktivitätssteigerung erfahren.“

Rund dreißig junge Erwachsene zwischen 17 und 22 Jahren nahmen seitdem das Angebot der Berufsschule pro Jahr wahr. Hoch im Kurs stehen Spanien und Frankreich. Doch auch alle anderen Staaten der Europäischen Union (EU) sind mögliche Ziele. Zwei Wochen beträgt jeweils die Mindestaufenthaltsdauer.

Den völkerverständigenden Aspekt von Schüleraustausch und Auslandslandsaufenthalten auf europäischer Ebene lässt sich die EU in den kommenden sieben Jahren in Summe 21,2 Milliarden Euro kosten. Während in der Vergangenheit unter dem Rahmenprogramm „Erasmus“ in erster Linie Hochschulen gefördert wurden, bezuschusst die EU unter dem Titel „Erasmus+“ nun auch Auslandsreisen zur allgemeinen beruflichen Bildung außerhalb der Universitäten. Und dies mit bis zu 1500 Euro pro Teilnehmer. Neben einem Eigenanteil von durchschnittlich 250 Euro muss jeder Teilnehmer lediglich den europaweit genormten Lebenslauf „EuroPass“ beisteuern. Sprachliche Voraussetzungen bestehen seitens der Auszubildenden – neben Motivation und Interesse – nicht.

„Für die berufliche Karriere der Azubis ist eine Auslandserfahrung ein wichtiger Pluspunkt“, ist Katja Walter überzeugt. „Sie erhalten Einblicke in andere Betriebe und erweitern maßgeblich ihr fachliches Know-how.“ Voraussetzung: Der auszubildende Betrieb muss die zukünftigen Berufseinsteiger für die Dauer des Praktikums freistellen. Jahresurlaub darf hierfür nicht eingesetzt werden.

Oberstudienrätin Simone Geist ist andererseits sicher: „Die Unternehmen werden als attraktiver, weltoffener Ausbildungsbetrieb nach außen hin wahrgenommen. Das verbessert ihre Chancen, gute Nachwuchskräfte für ihren Betrieb zu gewinnen.“

Neben Azubis, die bereits mit einem Bein im Berufsleben stehen, werden zukünftig auch Fachoberschüler (kurz FOS) auf dem Weg zum Fachabitur an den Auslandsprogrammen teilnehmen können.

Mithilfe des Programms „Erasmus+“ fördert die EU den schulischen Aufenthalt junger Menschen im europäischen Ausland. Fotos: Frühbis

Die mit der Berufsschule zusammenarbeitenden Bildungsträger wiederum vermitteln die Nachwuchskräfte an Auslandsbetriebe, die an Erasmus+ teilnehmen. „Natürlich muss der Betrieb im Ausland einen qualifizierten Betreuer bereitstellen, der sich um den Praktikanten kümmert“, geben Geist und Walter zu bedenken. Der Nutzen für den Auslandsbetrieb sei dennoch hoch, da die Auszubildenden sehr motiviert zur Verfügung stehen.

In der Tat gehen junge Azubis und Schüler der BSO motiviert und tatkräftig zur Sache: Projektvorbereitung, Reiseplanung und Nachbereitung sind ganz selbstverständlicher Bestandteil jedes Auslandsstipendiums. Selbstständig ausgearbeitete Präsentationen über die Erfahrungen im Ausland runden das Praktikum ab.

Neben den Ländern der EU nehmen auch die Nicht-EU-Länder Norwegen, Island, Liechtenstein, Mazedonien und die Türkei an „Erasmus+“ und den Stipendienprogrammen teil.

Seit Januar 2020 ist auch das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland nicht mehr Mitglied der EU. Laut „Nationaler Agentur Bildung für Europa“ – zuständig für die Bündelung der einzelnen Bildungsträger und Stipendienprogramme – gewährleistet das zwischen EU und Vereinigtem Königreich geschlossene Austrittabkommen unter anderem, dass Schüler und Auszubildende geförderte Auslandspraktika bis mindestes August 2023 unter den bisherigen Konditionen antreten können.

„Natürlich“, sieht Studienrätin Walter voraus, „wird der Brexit bedeuten, dass zum Beispiel Reisepass oder Arbeitsvisum erforderlich sein werden fürs Vereinigte Königreich. Mit rund 250 Euro wird dies zu Buche schlagen und von den Teilnehmern selbst zu tragen sein, zusätzlich zum Eigenanteil des Praktikums.“ Interessanter Seitenaspekt: Katja Walter und Simone Geist wissen aus der Erfahrung eigener Auslandsaufenthalte, dass die Lebenshaltungskosten für junge Menschen in Großbritannien ohnehin deutlich höher liegen als etwa in Frankreich oder Spanien. Als englischsprachiges Land würde damit zum Beispiel zukünftig Malta in den Fokus rücken.

Erwartungsgemäß sorgt neben dem Brexit auch die Corona-Pandemie für Unwägbarkeiten in der Zukunft. Ein Großteil aller geplanten Auslandsaufenthalte im Bereich des Fremdsprachensekretariats an der BSO wurden im Jahr 2020 abgesagt. Katja Walter erinnert sich: „Bundesweit lag die Entsendungsquote bis August bei null Prozent. Aufgrund eines Beschlusses des Hessischen Kultusministeriums (HKM) waren sämtliche Schulfahrten ins europäische Ausland abzusagen. Viele Teilnehmer waren enttäuscht und verärgert. Geplante Auslandsaktivitäten konnten nicht gestartet werden, und manche mussten ihren Aufenthalt sogar abbrechen.“ Bis zu den Osterferien 2021 bleiben mehrtägige Schulfahrten laut HKM in alle Zielgebiete untersagt.

Manch ein Bildungsträger – etwa die Kooperation „Arbeit und Leben“ zwischen Volkshochschule und Deutschem Gewerkschaftsbund – stellt indessen sogenannte Hybrid-Praktika in Aussicht: Während ein erster Teil des Praktikums als Online-Veranstaltung stattfinden soll, sei ein zweiter Teil vor Ort im Auslandsbetrieb geplant. Dies natürlich nur, sofern die Reisebeschränkungen aufgehoben werden. Allerdings räumt der Bildungsträger ein, dass es unklar sei, ob Auslandsbetriebe organisatorisch überhaupt in der Lage sein werden, virtuelle Veranstaltungen anzubieten.

Während der „digitalen Informationstage“ stellt die BSO aktuelle Programme, Schulformen sowie Ausbildungsbetriebe aus der Region vor. Bis zum 28. Februar steht die virtuelle Bildungsmesse unter www.bildungsmesse-bso.de allen Besuchern offen.

Kreis-Anzeiger, 28.02.2021